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Gallery Weekend 2016

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SPECTRA – Stefan Reiss
Flowers will cover everything – Elio Graziano

28. April bis 01. Mai 2016, 12-18h

Eröffnung: Mittwoch, den 27. April, 18-22h
mit live Performance: 20h: OKO und Any Pretty spielen in einer Installation von Stefan Reiss

Ort: Margarine, L’espace de l’espèce

Kuratiert, Texte von Kerstin Godschalk
Anfragen an kerstin.godschalk@hb55.de

www.facebook.com/events/946062968833857/

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Stefan Reiss, SPECTRA, Ausstellungsflyer, 2016, Copyright und Courtesy der Künstler

SPECTRA
Stefan Reiss

28.04. - 01.05.2016, 12-18h

Live Performance: Mittwoch, 27. April, 20h: OKO und Any Pretty spielen in einer Installation von Stefan Reiss

Ort: Margarine

Die Linie als Ort der Bewegung.

Eine formelle Reise durch Zeit und Raum: vom digitalen Universum auf den Boden der Tatsachen und wieder zurück in die unendlichen Weiten des sich brechenden Lichts.

In Stefan Reiss’ Werk ist die Linie Ort der inter- und transmedialen Dynamik. Wer Stefan Reiss’ Arbeiten kennt, weiß, dass man in ihnen klaren Strukturen begegnet. Irritiert und fasziniert zugleich nähert man sich einem ganz eigentümlichen Raumkonzept, das sich einem seltsam entzieht und dennoch aufgeht. Die Räume, die er komponiert, fanden ihren Ursprung im Erforschen der Kombinationsmöglichkeiten von Geraden. Gehalten im einfachen schwarz-weiß Kontrast des binärischen Codes mündeten sie in der Vielschichtigkeit medialer Ausdrucksweisen. Von der Skizze der digitalen Zeichnung über die Ölmalerei begegnen wir der Linie in der kommenden Ausstellung in Form von Skulptur und Installation. Wir werden Zeuge ihrer Streifzüge. Doch etwas ist passiert, hat sich verändert. Langsam gibt Stefan Reiss sein starres Regelschema, sein Manifest auf. Er erweitert es von den schwarz-weißen Einsen und Nullen hinzu einem Klangalphabet. In “Spectra” strahlt uns Farbe entgegen.
Die dritte Dimension hat in seinen Arbeiten schon immer eine zentrale Rolle gespielt. Ohne zu flüchten ging es ihm immer um die Frage nach der räumlichen Tiefe und dem organischen Zusammenhalt. Zu Zeiten der digitalen Transformation führt er sie zurück auf eine greifbare Realität, die sinnlich nachhallen kann. In seiner Kunst erforscht er unsere Raum- und Zeitkonzepte und gibt dem Virtuellen im Sinne Deleuzes eine haptisch erfahrbare Aktualität, eine materielle Erfahrung zurück. Im Körper der Ölmalerei erhält die digitale Skizze ein Momentum. Sie verlässt die Gleichzeitigkeit und unendliche Weite. Die Linie erhält einen Rahmen. Die Unhintergehbarkeit der Malschichten, die Unmöglichkeit des Rückgriffs auf Ebenen und die Leiblichkeit des Pinselstrichs stellen einen innigen Kontakt her und machen ihn nachvollziehbar.
Auch in den Skulpturen und Installationen entsteht durch die Materialeigenschaften und intermediale Verbindung eine besondere Interaktion, die mit den akkurat berechneten Linien auf verschiedene Art und Weisen bricht. Das Holz biegt und sperrt sich, es atmet und nimmt Farbe auf. Digitale Zeichnungen basierend auf Geraden, die sich überlagern und Räume komponieren, erlangen eine organisch haptisch erfahrbare Realität. Ihre Schichtung wird nachvollzieh- und abtastbar, ja sogar begehbar. Die Zeichnung entfaltet sich in den Raum und ihre animierte Projektion legt ein klangvolles Farbspiel auf die Installationen. Sie tastet diese nicht nur ab, schafft auch keinen illusorischen Raum, sondern holt uns ins Werk. Farbflächen und Licht brechen den Raum, werfen Schatten und generieren weitere Momente der Tiefe. Irritiert bewegen wir uns in ihr, begegnen uns selbst im Bild. Wir sind gefangen vom Schauspiel der Räume, die sich vor uns bildhaft generieren und in unserer Wahrnehmung Gestalt annehmen. Die Linie wird über alle Medien hinweg in Beziehung zu sich selbst, dem Künstler und dem Betrachter gestellt. Stefan Reiss gibt den digital unendlichen Weiten sinnlich erfahrbaren Rückhalt.
Auch wenn er zu Beginn seiner Malerei, Skulptur oder Installation ein festes Bild vor Augen zu haben scheint, planen kann Stefan Reiss seine Werke nicht. Sie generieren sich immer in Bezug zu Raum und Fläche. In “Spectra” begegnen wir ausschließlich Skulpturen und Installationen, die immer auch aus sich heraus wachsen und wiederum Impulsgeber für andere Werke und mediale Ausführungen sind. In der Sprunghaftigkeit: der gegenseitigen Befruchtung der Medien untereinander, innerhalb und über ein aktuelles Werk hinausgehend, liegt das Potential. So findet sich einerseits der zeichnerische schwarz-weiß Kontrast auch in der Lichtbrechung und dem Schattenwurf der animierten Projektionen auf den Installationen wieder. Er wird gekoppelt und erweitert die Räume zu immer wieder neu in ihm entstehenden Flächen. Oder werden andererseits die Schnüre in ihrer Anordnung als Träger der letzten Installation ästhetischer Impulsgeber zur Ausformulierung einer Reihe von Skulpturen. Jeder Moment im Werk kann den Anspruch auf ästhetische Autonomie entfalten und in neuen Installationen anklingen. Raum entsteht in der Begegnung, organisch und mechanische Bewegungen greifen ineinander.
Im Werden begriffen liegt den multimedialen Installationen nicht nur etwas Prozesshaftes zugrunde, sondern auch eine organische Realität, die letztlich im geordneten Chaos mündet. Sie ist gegenüber ihrem digitalen Ursprung nicht rückgewandt, nimmt einen entwickelten Punkt ein, ohne sich zu beschränken oder zu stabilisieren. Das Videomapping der digitalen Streifzüge hat als einzige Vorgabe, die Wiederholung auszuschließen. Stefan Reiss moderiert den Fortschritt, verortet ihn programmatisch zurück in die dritte Dimension und erweitert die sinnliche Wahrnehmung von Raum auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Elementen bis hin zur Körperlichkeit. Nicht verdeckend, sondern Schicht um Schicht erfahrbar sind die Installationen in ihrer medialen Kombination, Zeitlichkeit und Präsenzebenen. Wir sind im Bilde, erfahren Intensitäten des Seins in der Wirklichkeit, fantasieren das Volumen der Dinge ohne mit der Realität zusammenzufallen. “Über die Definition von Raum- und Zeitereignis hinaus [haben die Installationen] von Anfang an die Dimension eines Gesellschaftspiels.” Die Realitäten verschwimmen vor dem Auge des Betrachters, dem die Unterscheidung zwischen der Dingfestigkeit der Installation, dem farbigen Licht der Videoprojektion und dem Schatten des Tiefenraums abhanden kommt. Fasziniert von der Macht des Digitalen und den realen Auswirkungen des virtuellen Raums auf die tatsächliche Wirklichkeit, sieht man sich mit Potentialen konfrontiert, die Unsichtbares erfahrbar machen.
Zum ersten Mal ist der Besucher diesmal eingeladen, die Installation zu betreten, sich hineinzubegeben und niederzulegen. Er muss dem Impuls nicht widerstehen, sondern kann ihre Bewegung aufnehmen, sie aus unterschiedlichen Perspektiven ergründen und erfahren, Sie ist wie die soziale Praxis durchlässig. Auch während der musikalischen Performance von OKO und Any Pretty wird sie so nicht zum Bühnenbild degradiert, denn sie beinhaltet das Farbklangspektrum bereits im Selbstbezug. Die Farbflächen generieren sich durch die Implementierung eines zufälligen Klangalphabets. Der Code wird so selbst zum Instrument, das die Installation klangvoll ausklingen lässt.
Die unendliche Weite der Beziehung von Ganzheiten und Teilen wird über Stefan Reiss’ Codes moderiert. Die Grenzen der Medien verschwimmen, sie gehen ineinander auf, verhelfen sich gegenseitig zum Ausdruck, bis wir irritiert nicht mehr wissen, was war und noch nicht ist. Wir stehen mitten im Hier-und-Jetzt der multimedialen Erfahrung. Die Dritte Dimension legt sich in die Fläche.

www.hb55.de/kuenstler/stefan-reiss-interview


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v. li n. re: Any Pretty, Foto: Aleks Slota; OKO, Foto: Laure Catugier

Live Performance: Mittwoch, 27. April, 20h:
OKO und Any Pretty spielen in einer Installation von Stefan Reiss

Ort: Margarine

OKO schafft Zusammenhänge, kreiert eine umfassende Umgebung. Frontmann und Initiator des auf Kollaborationen basierenden Projekts ist Aleks Slota. Er gibt OKO seine Stimme. Mit verschiedenen Künstler und Musikern zusammen erschafft er eine visuelle Sound-Ästhetik, deren einzige Konstante der Wunsch ist, das Publikum auf eine emotionale und instinktive Reise zu nehmen. OKO ist ein Experiment. OKO ist aggressiv. OKO verändert.
www.oko.aleksslota.com

(spielt während der Eröffnung mit)

Any Pretty
Eine Kombi aus 2 in Berlin schaffenden Teilen, Doppelstimme, die einen umhaut. Bwoop! Mitglieder sind: Jaime Hyatt, Dylan Cram
www.facebook.com/anyprettyband


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Elio Graziano, Flowers No. 9, Detail, Ausstellungsflyer Flowers will cover everything, HB55 Kunstfabrik, 2016, Copyright und Courtesy der Künstler

Flowers will cover everything
Elio Graziano

28.04. - 01.05.2016, 12-18h
02. - 15.05.2016, Di-So: 14-19h und nach Vereinbarung elio.graziano@gmail.com

Ort: L’espace de l’espèce

Sonntag, den 15. Mai 2016, 14h
Künstlergespräch, Katalogpräsentation und live Painting mit live Rock ’n’ Roll-Musik

Unaufhaltsam frei im Lauf
Vom Werden im Sein

„Was wir vermögen, liegt in der Betrachtung”, so beginnt Elio Graziano einen seiner poetischen Texte. Neben seiner gestisch abstrakt-expressiven Malerei, sind auch sie Teil der Ausstellung und Werkserie “Flowers will cover everything”. Das zentrale Motiv bildet die allumfassende Energie, die ausnahmslos Blüten trägt, auch die des Bösen. Krisen bieten die Chance, sich neu zu ordnen. Leben und Kunst heißt, „etwas Neues ins Dasein” zu bringen.
Es sind Gemälde zwischen Expressivität, Abstraktion und Referentialität. Sie zeugen von einem genialen Künstlerhirn, das sich freien Assoziationen und der Bewegung hingibt. Elio Graziano spielt Farben. Er lässt uns nachvollziehen, wie unser Gehirn funktioniert, wie es Erinnerungen bewahrt und in den unterschiedlichsten Zusammenhängen neu verknüpft. Er bringt uns in Trab. Ohne dass der Schwung des Farbspiels ins Stocken gerät, wachsen aus seiner Malerei Details empor, die sich unkontrollierbar vor unserem inneren Auge entfalten und fortpflanzen. Blumenstillleben sucht man hier vergebens.
Elio Grazianos Malerei blüht Informel. Gestisch bahnt sich der Pinselduktus seinen Weg auf und durch Papier und Leinwand. Seine Malerei ist Körper, nutzt sich ab, baut sich auf, wird mit Versatzstücken aus Text und Bild gespickt, aufgebrochen, geflickt und erneut von Bewegung erfasst. Die Intensität, Brillanz und Qualitäten des Kolorits durchmischen sich, traktieren das Papier, bis es reißt. Maskierte Fetzen kollektiver Erinnerung, die den Fluss nicht brechen, sondern sich einordnen, treten hervor und verschwinden zugleich. Er vereinigt in seiner Hand verschiedenste Elemente, vermengt sie mit der Energie des Augenblicks. In einer seltsamen Gleichzeitigkeit begegnen wir der Farbe Schicht um Schicht, Spritzer um Spritzer und stolpern unbemerkt über Texturen außerbildlicher Welten. Elio Graziano erinnert nicht, er sammelt nicht. Seine Malerei kommt ohne Tiefenrausch, ohne Flucht- und Fixpunkt, ohne Form und Methode aus. Er begegnet sich und ihr auf die selbe Art und Weise wie wir seinem Werk begegnen können: uninformiert, ohne Drang nach Erhalt oder Angst vor Verlust.
Elio Graziano spielt mit Material und Farben unterschiedlichster Qualität und Herkunft. “Je bewegter die Gesellschaft, umso dringlicher wird die Frage nach ihrer Elementarität.” Zweckmäßigkeit und Wertung, hierarchische Prinzipien lösen sich im Vertrauen auf ein elementares Wissen ohne Bezugsgrößen auf. Fast automatisch generiert sich ein Miteinander, eine Gemengelage der Elemente. Alles steht tangential in Beziehung, hat Berührungspunkte. Seine Malerei zehrt von Streifzügen durch unendliche Weiten. Die Spannung liegt in der Gleichzeitigkeit. Vor den Augen des Betrachters verschwimmt die Zeit. Zusammenhänge werden frei assoziiert. Die Welt leuchtet aus seiner Malerei als Ganzes auf. Freude spricht aus seinen Werken und doch integriert er in ihr jegliche Gefühlsregung, vom süßen Duft der Melancholie bis zur finsteren Schwermut ist alles enthalten. Wie Mandalas, die sich ständig neu konstituieren und ihre kosmologischen Erzählungen in die Luft zerstreuen, können wir ihrer Energie nachspüren.
Gleichwertig und autonom stehen seine Texte auf Notenständern im Ausstellungsraum verteilt. Die sieben Gedichte bilden weitere Punkte in der Kette von freien Assoziationen, die einem leise auf der Leinwand und den Papierarbeiten als Versatzstücke begegnen und sich Stück für Stück in das Bewusstsein schieben. Wie ein Puzzle verdichten sie sich im Auge des Betrachters, ergänzen, erneuern und verflechten sich unaufhaltsam. In ihrer Bildhaftigkeit, Form, Wortwahl und Rhythmik lassen sie surrealistische Automatismen wie die Écriture automatique anklingen. Der Moment, die Bewegung und Energie ist derartig in ihnen gefangen, dass die Schriftlinie, als Ort der Bewegung, obsolet wird.
Elio Grazianos Malerei hingegen hat etwas Schriftzugartiges. Er lässt Cy Twombly und weitere Vertreter des abstrakten Expressionismus wie Sam Francis anklingen. Lyrisch und gestisch baut er seine Bilder. Die Energie des Farbauftrags bildet mit anderen, bildimmanenten Techniken wie der Collage und Frottage chaotische Texturen, die ohne Ordnungsprinzip auskommen, überlagert, gebrochen oder eingefärbt werden. Und dennoch im Gesamtzusammenhang ein kraftvolles Miteinander ausstrahlen. In der Verbindung seiner Hand verschmelzen verschiedene Strömungen, Gefühle und Elemente mit der Liebe zur Energie, die von Literatur, Bildender Kunst und Musik ausgeht, zu einem “Bild als Speicher von Bewegung und Gleichzeitigkeit.”
Genial zeigt Elio Graziano wie ein formloses Gleiten ohne Drang nach Erhalt oder Verlust, ohne Wertung, neue Welten schaffen kann, in denen jegliche Erinnerung seinen Platz und seine Durchschlagskraft findet. Freundlich sind wir eingeladen den Moment aufzugreifen und weiterzuspinnen, den Blüten zu folgen und den Dingen vertrauensvoll freien Lauf zu lassen. Naiv geben wir uns ihr hin und fangen an mit offenen Augen zu träumen, spielen mit und werden uns plötzlich des Kampfes der freien Assoziation gewahr, den er auf der Leinwand und schließlich in uns auslöst. Vom Werden im Sein: “Verluste wie Visionen sind der flüssige Staub, der unsere Gedanken atemlos und unaufhaltsam erblühen lässt.”

www.hb55.de/kuenstler/elio-graziano-interview
www.eliograziano.com