Tel.: 030 - 263 996 66

Räume zu vermieten in:

Yukihiro Taguchi | Interview

Yuki.jpg
Yukihiro Taguchi, Foto: Jörn Rädisch

“Es sind die zufälligen Begegnungen, die Stirnfalten zugunsten eines Lächelns wegzaubern.”

Yukihiro Taguchi
stellt spontan Verbindungen her, die dem Zufall und der Umgebung entspringen und entfacht ein Miteinander ungeahnter Möglichkeiten.
Ein Interview mit dem japanischen Künstler Yukihiro Taguchi vor seiner Retrospektive Kettenreaktion, die am 03. Februar in der HB55 Kunstfabrik eröffnet.

Wir treffen Yukihiro Taguchi in der HB55 Kunstfabrik, wo er sein Atelier hat und eine Zusammenschau seiner gesammelter Werke in Form von Stop-Motion Filmen und performativen Installationen aus den letzten drei Jahren eröffnet, die in dieser Konstellation noch nie gezeigt wurden.

Kunst scheint für dich ein Mittel zu sein, Menschen zusammenzubringen. Findest du das ist auch die Rolle von Kunst in der Gesellschaft?
Ja, ich möchte mich irgendwie beteiligen und in einen Austausch treten. Daraus ziehe ich auch meine Inspiration. Es sind die Menschen, denen ich bei meinen Aktionen im öffentlichen Raum begegne. Umgekehrt ist es mir wichtig, dass die Passanten auch eine Idee davon bekommen, was ich tue. Ich trete gerne mit ihnen in Interaktion. Wenn sie auch nur ein kleines Interesse an den Dingen oder Aktivitäten von mir zeigen, ist das schon ein Gewinn und gibt mir das Gefühl, in Verbindung getreten zu sein. Ich sehe das wie ein Tauschgeschäft. Deshalb arbeite ich kaum noch alleine.

Der öffentliche Raum ist also dein Ausstellungsraum? Oder hast du eine Vision, wo du gerne utopisch ausstellen würdest?
Nein, solche Wünsche entsprechen mir nicht. Mir geht es vielmehr um die zufällige Begegnung: Ich bekomme oder treffe auf etwas; ich treffe auf Dinge oder Räume und sie animieren mich, mit ihnen etwas zu tun.

Was machst du denn zum Beispiel?
Ich laufe durch die Stadt und entdecke, was achtlos liegen gelassen oder weggeworfen wurde. Entnehme Dinge aus Müllcontainern beispielsweise. Dann transportiere ich sie durch die Stadt und baue auf meinen Weg Installationen oder Figuren damit.

Yukihiro Taguchi nutzt die Möglichkeiten, die ihm die Stadt bietet, hält Ausschau nach Gegenständen und gibt ihnen einen neuen Wert. Er stellt sich der Herausforderung, anders als gewöhnlich mit unserer Umgebung umzugehen und stellt ihre Elemente in neue Zusammenhänge.
Getrieben von Neugier und dem Drang zu erfahren, was hinter den Dingen steckt, setzt er sich und die Objekte in unübliche Beziehung zum Raum und zu den Menschen. Mutig tritt er nach außen, überlässt Begegnungen dem Zufall und ergreift jegliche Möglichkeit der Verbindungen, die sich spontan ergibt. Er flechtet ein Netz aus Interaktionen, das alles bereithält, jeden einschließt und sich impulsiv in alle Richtungen ausweitet. Er entfacht ein Miteinander ungeahnter Möglichkeiten. Wichtiger als das Ausstellen seiner Werke sind ihm die Menschen, die seine Aktivitäten sehen und mit ihm Ungeahntes entdecken.

Ist es das, was du in Berlin gesucht und gefunden hast?
Berlin ist für mich eine Stadt der Möglichkeiten. Ich bin nun schon seit über zehn Jahren hier und es gibt immer wieder etwas zu entdecken. In Japan sind die Städte groß und stressig. Arbeit und Produktivität sind die Maxime. Wenn man da nicht rein passt, gibt es andauernd Ärger. Hier in Berlin ist das anders, locker. Es nervt dich keiner, wenn du mal nicht arbeitest. Das gibt Raum für Kreativität. In Japan arbeiten die Menschen auch sonntags. Das ist ein Unterschied.
Vor einem Jahr bin ich nach Lichtenberg gezogen. Ich wollte ein neues Leben, eine neue Wohnung und einen neuen Kiez, einen Ort zum Arbeiten. Also habe ich zu allererst einen Ausstellungsraum gesucht, mir ein paar Ausstellungsräume angeguckt und die HB55 Kunstfabrik übers Internet gefunden. Hier hat es mir gefallen.

Wieder ein Raum, mit dem du interagieren kannst.
Genau und viele Künstler gibt es hier noch dazu. Ich möchte auch mein Netzwerk erweitern, da hier viele Künstler arbeiten, sehe ich ein großes Potential.

Du bist nach Discuvry, einer Zusammenarbeit mit deiner Partnerin und Architektin Chiara Ciccarello nach Lichtenberg gezogen. Discuvry bestand aus der Entdeckung der Curvy-Brache, einem damals noch leerstehenden Baugrundstück nahe dem Schlesischen Tor, das mittlerweile auch dem Ausverkauf anheim fiel und geräumt wurde.
Im März 2013 hast du beschlossen deine Wohnung aufzugeben, um das erste Haus zu bauen, das den Anstoß gab, die Brache in das Hüttendorf auf der besetzten Brache zu verwandeln. Obwohl der Frühling noch auf sich warten ließ und es schneite, bist du dabei geblieben. Hast ein Leben unter freiem Himmel begonnen, ohne Heizung und Küche, bei Minusgraden. Macht Kunst Spaß oder bedeutet sie harte Arbeit?

Am Ende macht sie Spaß. Natürlich ist es manchmal anstrengend und ich frage mich auch, warum ich das tue, insbesondere wenn ich zu viel planen und organisieren muss. Ich kann gut vor Ort arbeiten, das ist kein Problem. Aber Organisation ist nicht meins. Wenn es mehr als ein Projekt ist, um das ich mich kümmern muss, dann endet das manchmal in einem Chaos.

Du scheinst für die Kunst zu leben. Trägt sie dich auch finanziell?
Ja, ich habe zwar einen Nebenjob. Aber um ehrlich zu sein, ist auch der ein Projekt von mir: halb Kunst, halb Job. Ich verkaufe T-Shirts.

Auf denen Abdrücke von Gullideckeln aus verschiedenen Städten gedruckt sind. Auch eine Aktion, die du unter anderem in Berlin gemacht hast und die die Aufmerksamkeit für die spezifische Emblematik schürt, die wir sonst übergehen. Du sagtest es bereits, Berlin sei für dich die Stadt der Möglichkeiten. Sie spielen auch in deinem Werk eine große Rolle oder?
Ich arbeite oft auf der Straße, dort kann ich sehen, wie die Leute reagieren, was sie sagen. Ich interagiere mit ihnen, wir tauschen uns aus. In Berlin fällt die Reaktion selten negativ aus. Die Passanten fragen nach, was ich mache und dann erkläre ich es ihnen. Aber in Japan, in Tokio zum Beispiel, wo ich eine Zeit gelebt habe, ist das anders. Dort rufen die Menschen sofort die Polizei. Hier hingegen kann jeder Mensch frei entscheiden. Wenn das gegeben und jeder sich seiner Verantwortung bewusst ist, dann kann ich Interventionen machen - ggf. sogar ohne Genehmigungen. Denn offiziell braucht man sie zwar, aber wenn die Leute selbst entscheiden können, was ihnen gefällt, in dem sie sich auseinandersetzen, können sie feststellen, dass ich keine bösen Absichten habe. Sie handeln aus freiem Willen.

Gibt es einen besonders schönen Moment, während deiner Arbeit als Künstler?
Wenn ich meine Arbeiten zeige, dann gibt es einen besonderen Moment: die Besucher müssen oft Lachen oder Lächeln. Wenn die Besucher beispielsweise den Ausstellungsraum betreten, dann beobachte ich zunächst gerunzelte Stirnfalten auf den Gesichtern. Wenn sie dann meinem Werk begegnen, sich die Stop-Motion Filme ansehen, dann weicht die gerunzelte Stirn einem Lächeln. Das macht mich froh und dankbar.

Du kommst aus Osaka, Japan und bist nun bereits seit zehn Jahren in Berlin. Wo soll es danach für dich hingehen?
Zunächst möchte ich noch hier bleiben und verstehen, wie Berlin funktioniert. Hier kommen so viele Nationen zusammen, da muss man nicht reisen. Es ist eine zentrale Anlaufstelle in Europa und wenn man doch reisen will, geht das auch gut.

Was machst du, wenn du nicht Kunst machst?
Ich gehe gerne spazieren oder gucke Filme. Meistens Anime. Als Kind habe ich selbst viel Manga gezeichnet, heute zeichne ich immer noch aber eher inspiriert von japanischer Kalligrafie. Auch Karate habe ich viel gemacht und seit ich hier in Berlin bin wieder angefangen.

Hörst du Musik beim Arbeiten?
Ja, wenn ich Zuhause zeichne. Meistens Elektro und auch Weltmusik.

Du arbeitest auch häufiger mit Musikern zusammen. Seit einigen Jahren beteiligst du dich an der von Mieko Suzuki ins Leben gerufene Veranstaltungsreihe Kookoo, die einmal im Monat Sound Artists und Visual Artists im OHM zusammenbringt und in einem DJ Set mündet.
Ich habe auch vorher bereits viel Zeit in Berliner Clubs verbracht. Die Elektro-Szene habe ich in Berlin kennengelernt und gefunden. Dabei bin ich dann auch mit den Musikern in Kontakt gekommen.
Musik fasziniert mich. Ich halte sie für eine unglaublich kraftvolle Kunstform. Mit nur einem Instrument oder einer Stimme kann man den ganzen Raum verwandeln. Die Stimmung des Raums wird sofort anders wahrgenommen. Das mit meiner Kunst zu erreichen, ist schwierig. Aber in der Interaktion zwischen beiden Medien kann es dann sogar noch weitere Momente erzeugen. Ich sehe hier ein großes Potential.

Am Eröffnungsabend wirst du mit Mieko Suzuki auch live performen. Auch Mieko Suzukis Arbeit ist inspiriert von der Kreation neuer Verbindungen. Ihre Sets offenbaren die differenzierte Schönheit voller subtiler Texturen. Am Mittwoch, dem 03. Februar, werdet ihr gemeinsam auftreten. Mieko Suzukis Set wird den Ausstellungsraum in Vibration versetzen und den Weg ebnen für das delikate Zusammenspiel aus interaktiver Videoprojektion, Stop-Motion Filmen und Soundart. Ein Spiel mit dem Feuer. Wir sind gespannt.

(Kerstin Godschalk)

YukihiroTaguchi_Inkarnation_Photographie_Osnabrueck_2015_CopyrightandCourtesyderKuenstler.jpg

Yukihiro Taguchi, Inkarnation, Photographie, Osnabrück, 2015, Copyright und Courtesy der Künstler

YukihiroTaguchimitChiaraCiccarelloi_Discuvry_Photographie_Berlin_2013_15_CopyrightandCourtesyderKuenstler.jpg

Yukihiro Taguchi mit Chiara Ciccarello, Discuvry, Photographie, Berlin, 2013- 2014, Copyright und Courtesy der Künstler

Kettenreaktion